Prostitution

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Prostitution ist nicht nur bei den Spiessbürgerlichen salonfähig geworden. Unter den Promis, über die im Fernsehen und in den Tratschblättern neidvoll berichtet wird, sind inzwischen auch Zuhälter, Pornoproduzenten und Freier. Das ist mir insofern egal als bei mir der Fernsehsessel vor dem Aquarium steht und ich kein Klopapier lese. Aber dass bei einem Netzwerktreffen der Care Revolution ernsthaft darüber diskutiert wurde, ob Prostitution Carearbeit sein kann, das ist mir nicht mehr wurscht. Die Ausbeutung von Frauen wird also offensichtlich auch in der Linken als normale Sexualität wahrgenommen.

Prostitution hat nichts mit Sex zu tun. Sie ist durch Geld legitimierte sexualisierte Gewalt, auch wenn es sich nicht um Zwangsprostitution handelt. Keine Frau hat freiwillig Sex mit einem Mann, den sie nicht attraktiv findet. Natürlich kann es manchmal vorkommen, dass einer Prostituierten ein Kunde gefällt. In den meisten Fällen ist dem aber nicht so, und der Prostituierten ist die Verrichtung zuwider. Sie ringt sich dazu durch weil sie das Geld, die Überlebensvoraussetzung im patriarchalen Kapitalismus, braucht.

Die Aktivitäten von Hobbynutten fallen meiner Meinung nach nicht unter den Begriff Prostitution, weil nicht Geldmangel ihre Motivation ist und sie den sexuellen Kontakt deshalb ablehnen können. Sie nutzen das Einzugsgebiet der Prostitution bloss dazu um ihre Sexsucht auszuleben. Eine professionelle Hure hingegen kann die Verrichtung nur ausnahmsweise verweigern.

Dazu kommt dass aufgrund des neoliberalen Turbokapitalismus immer mehr Menschen arm werden und deshalb immer mehr Frauen der Prostitution nachgehen. Dadurch verdienen die einzelnen Prostituierten immer weniger und müssen immer massivere sexualisierte Gewalt akzeptieren um über die Runden zu kommen.

Es gibt seit kurzem eine Sendung auf Radio Orange, dem freien Radio in Wien, die „Sex/Arbeit/Lust/Illusionen ver/kaufen“ heisst und den Untertitel „Vom Arbeitsalltag in den Lustwerkstätten“ trägt. Bisher hat dort noch keine einzige aktive Prostituierte von ihrem „lustvollen“ Arbeitsalltag erzählt. Es waren nur Leute am Wort, die ÜBER Prostituierte geredet haben. Unter anderem durfte sich ein Freier produzieren, und eine Sprecherin eines von der Zuhälterlobby gesponserten Vereins. In dieser sich als progressiv verstehenden Sendung wird postuliert, dass es soetwas wie eine völlig freie und selbstbestimmte Entscheidung gibt sich zu prostituieren. (Wobei keine Prostituierte gefragt wurde aufgrund welcher Faktoren sie sich letztendlich für die Prostitution entschieden hat.) Dabei wird die patriarchale Sozialisation völlig ausser Acht gelassen, die Frauen dazu bringt, sich für die Bedürfnisbefriedigung anderer verantwortlich zu fühlen und gleichzeitig die eigenen Bedürfnisse als unwichtig einzustufen, sowie diese Versorgerinnenmentalität als Identität zu verinnerlichen. Es ist also kein Wunder wenn viele Prostituierte ihre Forderung nach Gleichberechtigung daran festmachen dass sie die Wünsche von Männern erfüllen.

Selbstverständlich sollten Prostituierte endlich ihre Rechte kriegen. Die Stigmatisierung von Prostituierten zeugt von der verlogenen Doppelmoral unserer Gesellschaft, in der porno- und telefonwichsende, in Peepshows abspritzende Männer die Norm sind. Der Mann ist der tolle, geile Hengst, die Frau ist die Drecksnutte.

Ich bin dafür dass Prostitution als Einkommensquelle allen anderen Scheissjobs, die Leute nun mal zu ihrem Überleben machen, gleichgestellt wird. Prostituierte sollten alle Rechte von Arbeitenden haben, die ihre kostbare Lebenszeit mit Hackeln verschwenden müssen, weil sie der patriarchale Kapitalismus dazu zwingt. Arbeit schändet.

Es ist mir schon klar dass Prostitution keine gewöhnliche Arbeit ist. Prostitution ist nicht nur ein Symptom des Patriarchats, sondern perpetuiert dieses wiederum. Die Prostitutions- und Pornoindustrie lukriert ihre Profite dadurch, dass sie die Benutzung von Frauen für jedwede männliche Bedürfnisbefriedigung möglich macht und diese Möglichmachung als eine dem natürlichen Sexualtrieb geschuldete Normalität darstellt. Dadurch glaubt jedes männliche Ekelpaket ein Recht darauf zu haben, mit an die Schönheitsnormen angepassten Frauen alles Erdenkliche anstellen zu können. Es gibt aber kein verbrieftes Recht, anziehend gefunden und von einer anderen attraktiven Person (sexuell) befriedigt zu werden. Oder mithilfe anderer Personen sexuelle Phantasien auszuleben. Prostitution ist keine Carearbeit, genausowenig wie das Bedienen in einem Restaurant Carearbeit ist.

Leider haben sehr viele Frauen die Rolle als Bedürfnisbefriedigerin verinnerlicht. Dazu kommt dass sie stark verunsichert sind wenn sie den Schönheitsnormen nicht entsprechen. Macht sie ein Mann zum Sexobjekt glauben sie sich als Person begehrt. Viele Frauen versuchen also ihr geringes Selbstwertgefühl zu steigern, indem sie sich benutzen lassen. Unlängst habe ich den Blog einer dicken Frau gelesen, die sich im Internet mithilfe einer Webcam als Wichsvorlage prostituiert. Sie hält die Objektivierung durch Fett-Fetischisten für einen Beweis dafür als Mensch annehmbar zu sein. Obwohl sie das Onanieren der Kunden anekelt glaubt sie, dass sie ihren dicken Körper akzeptieren lernt, wenn Männer sich an ihr aufgeilen. Diese Frau versteht sich selbst als Feministin.

Prostitution und Pornografie laufen dem Feminismus zuwider, denn sie zelebrieren genüsslich Frauenhass. (Wers nicht glaubt soll einmal in einem Freierforum mitlesen.) Diese Tatsache wird von Prostituierten, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen, verdrängt. Ich kannte eine sich als Feministin verstehende Frau, die sich ihr Studium als Objekt zum Telefonwichsen finanziert hat. Sie war überzeugt davon dass sie das Leben für Frauen generell sicherer machen würde, weil die Wichser ihren Frauenhass bei ihr ausleben würden und dann zu den anderen Frauen nett wären. Was natürlich nicht stimmen kann, weil Hass sich nicht wie Wasserdampf in einem Druckkochtopf verhält und sich nicht verringert wenn er ein Ventil hat.

Viele Feministinnen sind heutzutage der Ansicht, dass es soetwas wie eine selbstbestimmte, von seelisch unversehrten Frauen ausgeübte Prostitution gibt. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass sie die eigenen Traumen und Verletzungen, die durch patriarchale Missbrauchs- und Gewalterfahrungen entstanden sind, nicht wahrhaben wollen, weil sie ihrem Selbstbild als Powerfrauen zuwiderlaufen. Beispielsweise wurde oben beschriebene Telefonprostituierte in ihrer Kindheit mehrfach sexuell missbraucht, was sie jedoch nicht als Problem ansieht. Sie betrachtet sich selbst nicht als unterdrückt wenn sie objektiviert wird, sondern als mächtig, weil sie im Gegensatz zu den sie objektivierenden Männern keine sexuelle Erregung empfindet und ihr die Männer egal sind. Diese psychische Konstellation ist für viele Betroffene sexualisierter Gewalt notwendig um ihr Ich vor dem Zusammenbruch zu schützen. Toxisch wird die Sache aber dann wenn betroffene Feministinnen mit solchen Abwehrmechanismen die Prostitution verharmlosen.

Meine Meinung zu der sogenannten Freiwilligkeit von Prostitution könnte ich nicht besser formulieren als die ex-Prostituierte Vulkantänzerin in ihrem Blogbeitrag Vom freien Willen … Vulkantänzerin thematisiert in ihrem Blog auch den Wiederholungszwang in Bezug auf den sexuellen Missbrauch. Das bedeutet die Betroffene stellt unbewusst die erlebte Gewalt immer wieder her. Nicht weil sie Vergnügen daran hat, sondern weil ihre Psyche sich eine Möglichkeit erhofft, diesmal als Siegerin über den Täter hervorzugehen. Leider führen diese unbewussten Versuche nur dazu, dass sich die Opferrolle immer mehr verfestigt. Der Ausstieg aus diesem Kreislauf gelingt nur, indem frau die Gewalterfahrung als etwas akzeptiert das jeder passieren kann und sich nicht mehr als Verliererin sieht. Auf dieser Grundlage kann frau den Kontakt mit Tätern generell vermeiden lernen und so den Circulus vitiosus durchbrechen. Dazu braucht es aber Unterstützung, sei es in Form von Psychotherapie, Selbsthilfegruppen oder solidarischen Freundinnen.

Ich schreibe das nicht weil ich Prostituierte als krank darstellen will. Das Posttraumatische Stresssyndrom, das die meisten Prostituierten haben, ist nicht krankhaft, sondern eine natürliche Reaktion auf Gewalterfahrungen. Deshalb lehne ich auch den neuen Begriff „Posttraumatische Belastungsstörung“ ab. Die Betroffenen sind nicht „gestört“, sondern ihre Psyche zieht alle Register zur Aufrechterhaltung ihrer Ich-Funktionen. Nicht die Prostituierten gehören pathologisiert, sondern ihre Kunden. Psychologie und Psychiatrie sollten endlich untersuchen, was für Sprünge Menschen in der Schüssel haben, dass sie andere Menschen zu Sexobjekten degradieren und darauf auch noch stolz sind.

Feministinnen, die gegen Prostitution sind, wird oft vorgeworfen sie hätten ein Helferinnensyndrom und wollten Prostituierte gegen ihren Willen „retten“. Also ich rette sicher niemensch, ich bin schliesslich nicht die Ersatzmama vom Dienst. Ausserdem sind Menschen gegen ihren Willen sowieso nicht rettbar. Allerdings gibt es genug Prostituierte die sich liebend gerne selber retten würden wenn entsprechende Unterstützung dazu da wäre.

Obwohl ich Prostitution ablehne bin ich gegen ihr Verbot. Erstens dämmt ein Verbot die Prostitution nicht ein sondern verlagert sie nur stärker in den gesetzlosen Raum. Je mehr sich die Prostitution im Untergrund abspielt desto schlimmer werden die Bedingungen für die Prostituierten und ihre Stigmatisierung. (Stigmatisiert gehören die Freier, Zuhälter und Bordellbesitzer, nicht die Prostituierten.) Zweitens tangiert ein Prostitutionsverbot nicht das System das dahinter steht, nämlich das kapitalistische Patriarchat. Und drittens kann eine Person, die etwas Verbotenes tut, die Polizei nicht zu Hilfe rufen oder die Justiz einschalten. Das System der humanen Sozietäten funktioniert leider nicht so simpel, dass mensch unliebsame Dinge einfach wegverbieten kann.

Gute Beispiele für die Kontraproduktivität von Verboten sind die US-amerikanische Alkoholprohibition und der sogenannte War On Drugs. Weniger gesoffen wurde durch die Prohibition nicht, wie sehr sie aber die Mafia gestärkt hat wissen wir alle. Ähnliches gilt für den War On Drugs. Die Resourcen, welche durch den War On Drugs verbraucht werden, könnten wesentlich effektiver für ein gutes Leben für alle eingesetzt werden, damit sich niemensch mehr bemüssigt fühlt die innere Leere durch Drogenkonsum erträglich zu machen. Nebenbei bemerkt sind kriminelle Vereinigungen strikt gegen eine Drogenfreigabe, weil ihnen dadurch riesige Profite entgehen würden. Anderes Beispiel: Die Fleischindustrie, die den Tieren entsetzlichste Torturen zumutet. Trotzdem wäre es sinnlos den Fleischkonsum zu verbieten. Mensch kann sich aber gegen den Speziezismus einsetzen, welcher die Fleischindustrie erst ermöglicht, und die Tierfolter öffentlich machen.

Natürlich muss es starke Aufklärungskampagnen geben, damit Frauen und frauenfreundliche Männer endlich kapieren, dass vor ihrer Haustür schwere Menschenrechtsverletzungen passieren. Ebenso gehört eine Gemeinwohlökonomie her, damit ein gutes Leben für alle möglich und so der Armut als eine der Hauptursachen für Prostitution der Boden entzogen wird. Weiters braucht es Hilfe für Prostituierte; sei es durch hygienische, sichere und bequeme Bedingungen bei der Verrichtung, durch die Abschaffung von Zwangsuntersuchungen und Registrierungen, als Schutz vor Ausbeutung durch Zuhälter und Bordellbesitzer/innen, durch konsequente Verfolgung von Menschenhandel, als Gewaltschutz, als Zerschlagung der Zuhälter- und Bordellbesitzerlobby, als Unterstützung der autonomen Selbstorganisation von Prostituierten, durch autonome Beratungsstellen, als Ausstiegshilfe, als Traumatherapie, etc. Ein Verbot garantiert diese Hilfe nicht, sondern verschlechtert nur die Bedingungen, unter denen Prostitution stattfindet.

Was hingegen ein echter Schlag gegen Prostitution und Patriarchat wäre: Wenn die weiblichen Angehörigen und Freundinnen der Freier, in Österreich treffend Hurnbeidln genannt, diese sowohl sexuell alsauch sozial boykottieren würden. Und gleichzeitig solidarisch mit den Huren wären. Da würde sich sehr bald etwas zum Positiven verändern.

Ausserdem dringend nötig: Solidarität unter ALLEN Frauen. Weil wir alle von den unterschiedlichen Formen patriarchaler Gewalt betroffen sind.

3 Gedanken zu „Prostitution“

  1. Deswegen Nordisches Modell statt Prohibition (Verbot). Dazu wurde schon viel gesagt und geschrieben, Aussteigerinnen, die sich inzwischen international vernetzt haben, setzen sich aus ihrer Erfahrung heraus dafür ein (Space international). Denn wenn nur die Freier bestraft werden, die prostituierten Frauen hingegen Angebote und Unterstützung zum Ausstieg bekommen, gibt es keinen Untergrund. Der Kampf ums Nordische Modell bedeutet faktisch ein Kampf um Menschenleben (abseits der ganzen anderen Gewalt), denn nirgendwo sterben soviele Frauen durch Freier oder Zuhälter wie in liberalisierten Prostitutionssystemen. Deswegen sind die Aussteigerinnen auch dringlich auf die Solidarität und Unterstützung von uns prostitutionskritischen Feministinnen angewiesen.

    Lesetips, die sich kritisch an Linke richten:
    – kritischeperspektive.com/kp/2016-16-die-linke-freude-an-der-prostitution (Offener Brief von Huschke Mau an linksjugend ’solid)
    http://www.akweb.de/ak_s/ak616/39.htm

  2. Siehst du das nordische Modell als Prostitutionsverbot, oder als effizientes Vorgehen gegen die Prostitution? Immerhin ist da ja in diesem Modell die Prostitution an sich nicht verboten, nur das Freiertum.

    Prostitution zu verbieten bringt nichts, das wissen wir schon darum, weil sie jahrhundertelang verboten war – geholfen hat es bekanntlich nicht viel. Aber mit dem Verbot des Frauenkaufs könnte man meiner Meinung nach einen echten Durchbruch erzielen.

    Hurenböcke sexuell und anderweitig zu boykottieren wäre natürlich eine echt tolle Sache – aber eben dafür brauchen wir ja das nordische Modell, bei dem die Freier einen netten Brief vom Amt kriegen. (Man müsste nur das Problem, dass allzu solidarische, männliche Polizisten diesen Brief nicht an die Heimadresse sondern an den Arbeitsplatz schicken, lösen.)
    Wenn wir nicht wissen, dass ein Mann Frauen kauft, können wir ihn deswegen auch nicht boykottieren, logisch.

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